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Antisemitismus und Rassismus widerstehen

DekanatGedenken aus Anlass der Beschädigung der Menora in Darmstadt

Zu einem Gedenken aus Anlass der Beschädigung der Menora hatten die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, die Dekanate, die ACK und "Gegen Vergessen für Demokratie" mit Schülergruppe am Sonntag vor die Gedenkstätte Liberale Synagoge eingeladen. "Antisemitismus und Rassismus sind Sünde gegen Gott und die Menschen", sagte Dekanin Ulrike Schmidt-Hesse.

Wissenschaftsstadt DarmstadtMenora zerstört in Darmstadt

„Hass und Gewalt entgegentreten – jeden Tag“
Gedenken aus Anlass der Beschädigung der Menora am Ort der liberalen Synagoge am Klinikum


Aus Anlass der Beschädigung der Menora haben die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit (GCJZ,) das Evangelische und Katholische Dekanat, die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) sowie der Verein „Gegen Vergessen - für Demokratie e.V.“ (GVFD) und die Initiative an der Lichtenbergschule „Schüler gegen Vergessen für Demokratie“ (SGVD) am Sonntag ein Gedenken vor dem Gedenkort Liberale Synagoge auf dem Gelände des Klinikums in Darmstadt organisiert. Bislang Unbekannte hatten in der vorigen Woche die Menora, den stilisierten siebenarmigen Leuchter der Künstler Helmut Lortz und Fritz Hausmann, dort gewaltsam verbogen und beschädigt. Der evangelische Vorsitzende der GCJZ, Lothar Triebel, moderierte die gut besuchte Gedenk- und Mahnveranstaltung, die Darmstädter Klarinettistin Irith Gabriely gestaltete diese bewegend mit hebräischen Liedern und Gebeten mit. Menschen aus verschiedenen Bereichen der Stadtgesellschaft nahmen teil, unter ihnen auch Vertreterinnen und Vertreter von Moscheegemeinden.

Viele junge Menschen wirkten aktiv als Rednerinnen und Redner mit. „Jemand hat brutal die Menora geschändet“, sagte etwa Paula Werner von der Stadtteilschule Arheilgen, „ich will nicht einfach dazu schweigen, sondern aufstehen und mich für ein respektvolles Miteinander in der Schule und außerhalb der Schule einsetzen.“ „Man kann die Menora schänden, aber nicht nachhaltig brechen“, erklärte etwa Annika Mühlhäuser, Schülerin der Lichtenbergschule. Fatima Haji von den „Schülern gegen Vergessen für Demokratie“ stellte fest, dass für die Beschädigung der Menora, ein „Sinnbild der Erkenntnis“, die auch Lebensfreude verkörpere, ein „nicht ganz unbedeutender Zeitpunkt“ gewählt worden sei: „Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Hass spalten in diesem Monat die ganze Welt, aber sie vereinen sie auch gleichzeitig mit einem gesellschaftlichen Aufbruch und zeigen, dass wir unsere Stimme stets bei Ungerechtigkeit erheben müssen.“ Die Menora mag zwar beschädigt sein, nicht aber ihre Bedeutung, so Fatima Haji. „Es scheint so, als ob einige aus unserer Vergangenheit keinerlei Lehren gezogen hätten“, beklagte Daniel Stjepanovic, Abiturient der Lichtenbergschule. Als Mitglied bei SGVD verurteile er „diesen feigen Akt des antisemitischen Vandalismus an einem wichtigen Ort jüdischen Lebens in Darmstadt“. Julia Triebel von der Viktoriaschule las empathisch Psalm 74, der von der Zerstörung des Heiligtums, die die Geschichte Israels durchzieht, handelt.

Bernd Lülsdorf, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen und katholischer Dekanatsreferent, und der katholische Dekan Dr. Christoph Klock zitierten aus alten Zeitungsberichten. Während in der Allgemeinen Zeitung des Judentums von 1883 noch Beweise dafür aufgezählt werden, „wie wenig Grund und Boden der Antisemitismus im Großherzogtum Hessen und speziell in Darmstadt findet“, berichten das Darmstädter Tagblatt von 1897 und „Der Israelit“ von 1922 bereits von Beschädigungen von Synagogen in Darmstadt.

Dekanin Ulrike Schmidt-Hesse las aus der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948, die das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person sowie Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit für alle Menschen beinhaltet. Sie fuhr fort: „Nach christlichem Verständnis ist Antisemitismus eine Sünde gegen Gott und die Menschen. Und mit gleichem Nachdruck sagen wir: Rassismus ist Sünde und seine Rechtfertigung ist Gotteslästerung“, vertrat die Dekanin und erhielt dafür viel Applaus. „Es kommt auf jede und jeden von uns an“, so Ulrike Schmidt-Hesse, „lassen Sie uns Antisemitismus und Rassismus widerstehen und Diskriminierung, Hass und Gewalt entgegentreten – jeden Tag.“

Oberbürgermeister Jochen Partsch wies auf die Vorgeschichte der Zerstörung der Synagogen am 9. November 1938 hin. „Wir müssen achtsam sein, damit wir uns nicht wieder in einer derartigen Vorgeschichte wiederfinden“, mahnte er. Darauf seien etwa die völkisch-identitäre Bewegung und Neo-Faschisten ausgerichtet. „Doch diesmal werden sie nicht gewinnen“, so Partsch nachdrücklich. Er erkannte besonders an, dass auch viele junge Menschen die Gedenkveranstaltung mitgestalteten und besuchten. Seit 1967 stehe die Menora an diesem Ort. Im Jahr 2003 waren bei Bauarbeiten zum Neubau des Klinikums die Fundamente der im Jahr 1876 errichteten und in der Reichspogromnacht 1938 zerstörten liberalen Synagoge wiederentdeckt worden. Sie bilden heute den Kern des 2009 eingeweihten Erinnerungsortes.

Jochen Partsch beklagte, dass er schon „viel zu viele Angriffe auf Denkmäler und Erinnerungsorte in der Stadt miterlebt“ habe, und zitierte aus Bertolt Brechts Arturo Ui: „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“ Dies solle „höchste Wachsamkeit hervorrufen“. Neu sei an der jüngsten Tat, dass es diesmal „ein Angriff auf ein sakrales Symbol, nämlich des Friedens und des Lichts“ sei, das den Ort beschützen soll, so Partsch. Auch auf die aktuelle Situation nahm er Bezug:  Gegenwärtig rufe „struktureller Rassismus“ in den USA und weltweit Proteste hervor – „auch bei uns gibt es strukturellen Rassismus“.

Das gemeinsame Verständnis von „Nie wieder Krieg, nie wieder Auschwitz“ müsse von allen weitergetragen werden, so Partsch. Ob Halle, Hanau, die NSU-Morde oder der Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke – man könne hier längst nicht mehr von „Taten einzelner“ reden. Die Rechten setzten an freiheitlichen Grundwerten an – „Das darf niemals gelingen!“ Darmstadt hätte viele Verbrechen erlebt – „Wir brauchen in unserer schönen, liebenswerten Stadt keine neuen“, so Partsch.

Dr. Wolfgang Gern, Mitglied der GCJZ und früherer Vorstandsvorsitzender der Diakonie Hessen, bezeichnete „Gewalt als Ausdruck von Gottesferne“. Gedenkorte schrien für die Opfer, so Gern, „aber auch für uns, die wir uns nicht abfinden wollen mit Hass und Gewalt“. Sie schrien nach Liebe, Frieden und einem Ende von Gewalt und von Gleichgültigkeit, nach dem guten Hirten, der die Gewalt überwindet“. Im Sinne des Philosophen Hans Jonas sei es jetzt am Menschen, Gott zu geben: „Behütet einander, achtet aufeinander, geht bei Gewalt dazwischen“, appellierte Dr. Wolfgang Gern, „dass es Gott um des Werdenlassens der Welt nicht gereuen muss, wie Hans Jonas sagte, nicht noch einmal.“

Zum Schluss sprach der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Daniel Neumann, der nach dem Hintergrund der Tat fragte. War es ein Angriff mit politischer Botschaft, ein Zeichen antisemitischen Hasses oder einfach Geringschätzung öffentlichen Eigentums? Waren es „nur ein paar geistlose Vandalen?“ Mit aller Wahrscheinlichkeit sei es laut Neumann hier wohl um mehr gegangen. Es sei ein „gezielter Angriff auf ein jüdisches Symbol“ gewesen, was die „Erinnerung an eines der dunkelsten Kapitel unserer Geschichte“ wachrüttele. Die Menora sei kein zufälliges Ziel gewesen, sondern sie sei „in voller Absicht demoliert, mit roher Gewalt, aber nicht vollständig gebrochen worden“. Dies dürfe nicht unwidersprochen bleiben. Der Protest rege sich, das Gedenken sei ein unmissverständliches „Zeichen gegen Geschichtsvergessenheit, Rassismus, Antisemitismus, Menschenfeindlichkeit und dumpfen Hass“. „Wir lassen nicht zerstören, was uns verbindet und unser Gemeinwesen trägt“, so Daniel Neumann abschließend, „wir lassen uns unsere gemeinsame Zukunft nicht zerstören!“

Wortlaut des Aufrufs:

Hass und Gewalt widerstehen, Frieden und Solidarität leben
Aufruf von Kirchen und zivilgesellschaftlichen Gruppen in Darmstadt


Wir – die wir uns für ein friedliches Miteinander in Darmstadt einsetzen – sind entsetzt über die rohe Gewalt gegenüber einem Symbol jüdischen Lebens in unserer Stadt. Die schwere Beschädigung der Menora vor der Gedenkstätte Liberale Synagoge in der Nacht zum Dienstag ist ein Angriff, der uns allen gilt. Es erschüttert uns, dass unser friedliches und respektvolles Zusammenleben dadurch Schaden nimmt. Ausgerechnet der Ort, an dem wir der Zerstörung der Synagoge vom 9. November 1938 gedenken, erfährt nun wieder Gewalt.Die Menora ist Zeichen des Friedens und des Lichts – und gerade dieses Zeichen wird beschädigt. Daher sagen wir heute mit Nachdruck: Dem Hass keine Chance, der Gewalt null Toleranz. Antisemitismus und Rassismus haben keinen Platz in dieser Stadt. Die Gewalttäter wollen unsere freiheitliche und demokratische Gesellschaft vergiften und zerstören. Wir werden dies nicht zulassen.

So rufen wir alle Bürgerinnen und Bürger auf, nicht gleichgültig zu bleiben. Wir dürfen nicht verharmlosen und wegschauen, wenn unser gesellschaftlicher Zusammenhalt immer wieder gefährdet wird. Wir müssen im Alltag Antisemitismus und Rassismus widerstehen. Diskriminierung, Hetze und Erniedrigung eines jeden Menschen müssen wir entgegentreten. Stärker als bisher gehört es zu unserer Verantwortung, hellwach zu bleiben und einzuschreiten, wenn die Grenzen eines guten, friedlichen, respektvollen und demokratischen Miteinanders verletzt werden. „Wer sich der Unmenschlichkeit nicht erinnern will, der wird wieder anfällig für neue Ansteckungsgefahren“ (Richard von Weizsäcker).

Als Zeichen dafür, dass wir uns mit Hass, Gewalt und Antisemitismus nicht abfinden wollen, laden wir ein zu einem Gedenken unter Corona-Bedingungen (mit Mundschutz und Abstandsregelung) am Sonntag, 21. Juni um 11.30 Uhr auf dem Vorplatz der Gedenkstätte Liberale Synagoge am Darmstädter Klinikum in der Bleichstraße.

Zur Menora:
Seit Einweihung der stilisierten Menora im Jahre 1967 haben vor ihr alljährlich Gedenkstunden zur Erinnerung an die Reichspogromnacht stattgefunden, bis diese dann 1988 in die Neue Synagoge verlegt worden sind. Heute weist das aus Metall gefertigte Werk der Künstler Helmut Lortz und Fritz Hausmann, das einen siebenarmigen Leuchter, einen der wichtigsten religiösen Symbole des Judentums, darstellt, darauf hin, dass sich im inneren Gebäudeteil des Darmstädter Klinikums der Erinnerungsort Liberale Synagoge befindet. Im Jahr 2003 waren bei Bauarbeiten die Fundamente der im Jahr 1876 errichteten und in der Reichspogromnacht 1938 zerstörten liberalen Synagoge wiederentdeckt worden. Sie bilden heute den Kern des 2009 eingeweihten Erinnerungsortes.

Unterzeichner:
Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Darmstadt e.V.
Gegen Vergessen Für Demokratie e.V.
Schüler gegen Vergessen für Demokratie Darmstadt
Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) Darmstadt
Evangelisches Dekanat Darmstadt-Stadt
Katholisches Dekanat Darmstadt

Kontakt:
Godehard Lehwark (Tel. 06151 6010100)
Klaus Müller (Tel. 06105 946250)
Bernd Lülsdorf (Tel. 0163 7296415)
Lothar Triebel (Tel. 06151 2733637)
Ulrike Schmidt-Hesse (Tel. 06151 1362424)
Ulli Volke (Tel. 06151 711698)
Margit Sachse (Tel. 06154 697900)
Katja Kreiser (Tel. 06151 6601980)
Wolfgang Gern (Tel. 06151 1591920)

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