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Kirche mittenDRIN sein

DekanatSynode am 28. Februar 2020 im Offenen Haus

Bei der Dekanatssynode stellten sich die vier DRIN-Projekte vor: der Einkaufsbus der Paul-Gerhardt-Gemeinde, "Kirche im Quartier - Lincolnsiedlung" der Andreasgemeinde, "Kirche im Quartier - Schiebelhuthweg" der Andreasgemeinde und der Mittagstisch für Senior*inen der Petrusgemeinde. Die Synode gab Impulse für die künftige Arbeit in Gemeinwesenorientierung.

DekanatPfarrerin Margarete Reinel

Kirche mittendrin sein
Dekanat Darmstadt-Stadt zieht Bilanz der DRIN-Projekte und berät über weitere Gemeinwesenorientierung
Eine große Bandbreite an sozial-diakonischen Projekten sind in den vergangenen Jahren im Dekanat Darmstadt-Stadt neu entstanden. Gefördert wurden sie durch die Initiative „DRIN“ der EKHN und der Diakonie Hessen gegen wachsende Armut und Ausgrenzung, die nach fünf Jahren jetzt beendet ist. Bei der Tagung der Dekanatssynode im Offenen Haus am 28. Februar, die Präses Carin Strobel leitete, stellten Pfarrerinnen und Pfarrer, Mitarbeitende der Diakonie und Ehrenamtliche die vier DRIN-Projekte im Dekanat vor. „DRIN“ steht für Dabei sein, Räume entdecken, initiativ werden, Nachbarschaft leben.

Das Schwerpunktthema der Synode hatte eine Gruppe, in der auch Winfried Kändler, Referent für Gesellschaftliche Verantwortung im Dekanat, und Dennis Kramer, Bereichsleiter Gemeinwesenarbeit und Migrationsdienste beim Diakonischen Werk Darmstadt-Dieburg, mitarbeiteten, vorbereitet. Dekanin Ulrike Schmidt-Hesse gab zunächst eine Einführung. „Gemeinwesenorientierung spielt in unserem Dekanat eine große Rolle“, sagte sie. Gemäß dem Dekanatsmotto „Suchet der Stadt Bestes“ gehöre diese Arbeit zum Profil des Dekanats. „Kirche ist nicht Selbstzweck, sondern Instrument und Zeichen des Reiches Gottes“, sagte die Dekanin vor 42 Synodalen und 20 Gästen. „Kirche mit anderen“ engagiere sich als „glaubensgestützte Akteurin“ in der Zivilgesellschaft. In Darmstadt seien viele Gemeinden - oft zusammen mit der Diakonie - auf diese Weise in den Stadtteilen aktiv. Das regionale Forum Gemeinwesendiakonie/Gemeinwesenarbeit bringe Themen aus der gemeinwesenorientierten Arbeit in den politischen Diskurs - wie zuletzt mit der Aktion „Der Demokratie einen Platz geben“. Über die lokal und regional orientierte Gemeinwesenarbeit hinaus seien Zeugnis und Dienst der Kirche auch in weiteren Lebensbezügen der Menschen notwendig. Im Zukunftsprozess „EKHN 2030“ werde Gemeinwesen- und Mitgliederorientierung als eine der zentralen Herausforderungen benannt. Durch Gemeinwesenarbeit, die sich an den Bedürfnissen und Möglichkeiten der Menschen am Ort ausrichtet, würden Demokratie gefördert, Gemeinschaft gestärkt und Lebenslagen verbessert. Im Rahmen der DRIN-Projekte kooperieren Kirchengemeinden mit Diensten und Fachstellen von Kirche und Diakonie sowie mit Akteuren der Zivilgesellschaft.

Ziel der Synode sei es, zum einen durch die Vorstellung der DRIN-Projekte neue Impulse für die Arbeit in Gemeinden und Diensten zu erhalten, sowie Impulse an die Vorbereitungsgruppe zurückzugeben, damit diese Beschlussvorschläge zu weiteren Aktivitäten in Gemeinwesenorientierung im Dekanat für die nächste Synode ausarbeiten könne.

Pfarrerin Dagmar Unkelbach und Kirchenvorsteher Walter Rietsch sowie die beiden Mitarbeiterinnen des regionalen Diakonischen Werks Darmstadt-Dieburg, Mercedes Wagner und Jeannette Dorff, berichteten anschaulich von ihrem DRIN-Projekt Einkaufsbus. Mit kirchlichen Mitteln wurde in der Paul-Gerhardt-Gemeinde ein Kleinbus angeschafft, der Bewohnerinnen und Bewohner der Waldkolonie regelmäßig zum Einkaufsmarkt bringt. Insbesondere Menschen mit Mobilitätseinschränkungen nutzten das Angebot zu günstigen Preisen. „Neben Einkaufsmöglichkeiten bietet der Bus auch Kontaktpflege bereits bei der Fahrt zum Einkauf“, sagte Pfarrerin Dagmar Unkelbach, neue Kontakte und Freundschaften hätten sich so schon ergeben. Der Fahrdienst wird durch ein Team von fünf Ehrenamtlichen zweimal in der Woche geleistet. Interessierte melden sich telefonisch an, werden zu Hause abgeholt und wieder nach Hause gebracht. In der Arbeitsgemeinschaft „Gemeinsam leben und alt werden in der Waldkolonie“ entstand die Idee des Einkaufsbusses, die als DRIN-Projekt umgesetzt werden konnte.

Pfarrerin Karin Böhmer und Kirchenvorsteher Herbert Gunkel von der Andreasgemeinde stellten das DRIN-Projekt „Kirche im Quartier – Nachbarschaft gestalten“ vor. Hier geht es um das große Neubaugebiet „Lincolnsiedlung“ auf dem Gebiet der Andreasgemeinde, wo neben Wohngebäuden auch eine Schule, eine Kita und eine Turnhalle neu entstehen. Rund 5000 Menschen werden hier zusammen wohnen: Studierende, Familien, Bewohnerinnen und Bewohner von Wohnprojekten. Andreas- und Matthäusgemeinde haben hier die „Nachbarschaftsrunde: Willkommen auf Lincoln“ ins Leben gerufen, an der weitere Einrichtungen, Sport- und andere Vereine, Ämter, Bauverein sowie neue Bewohnerinnen und Bewohner teilnehmen können. Das Diakonische Werk ist mit Quartiersmanagerin Petra Elmer, Caritas mit Lea Spill vertreten. Aktivitäten der Runde sind Führungen durch das Wohngebiet, Sommerfeste und Informationsveranstaltungen zu Infrastruktur und Mobilität. Anlaufpunkt ist die Quartierswerkstatt. Größere Runden treffen sich in der Andreasgemeinde. Es gibt sogar eine eigene Zeitung, die „LincolnNews“. Kirche wirkt hier integrativ, andere ziehen mit am Strang. „Mir persönlich hat das viel Mut gemacht“, sagt Pfarrerin Karin Böhmer.

Pfarrer Andreas Schwöbel von der Matthäusgemeinde berichtete über das DRIN-Projekt „Rund um den Schiebelhuthweg“, ein Stadtgebiet, Teil der Matthäusgemeinde, das von Bewohnerinnen und Bewohnern selbst als „Niemandsland“ oder „Insel der Vergessenen“ bezeichnet wird, ein „Anhängsel“ an die Heimstättensiedlung, durch die Bahnlinie abgeschnitten. Ziel der Gemeinde war es hier, Verbindungen zu schaffen und Nachbarschaft zu stärken. Ein früheres Pflegeheim wurde zur Flüchtlingsunterkunft. Die Matthäusgemeinde gründete ein „Begegnungscafé“. Jetzt steht das Haus leer und zum Abbruch bereit, die Menschen sorgen sich, was daraus werden solle. Die Ergebnisse einer aktivierenden Befragung der Bewohnerinnen und Bewohner über deren Wünsche im Hinblick auf einen Neubau wie etwa ein Begegnungsort wurden bei einem „Runden Tisch“ vorgestellt, ein Brief wurde an die Stadt geschickt – bislang ohne Antwort. „Gemeinwesenorientierte Prozesse sind langfristig“, so Pfarrer Andreas Schwöbel, „und eben nicht nach drei Jahren zu Ende.“

Als „kleinstes DRIN-Projekt in der EKHN“ stellte Pfarrer Stefan Hucke von der Petrusgemeinde den Mittagstisch für Senioren vor, als „entscheidenden Schritt zum Miteinander für ältere Menschen in unserem Stadtteil“. Durch DRIN konnte der Projektpartner, die Johanniter-Unfall-Hilfe, gewonnen werden, der die Menschen kostenlos zu Hause abholt. Das Angebot passe gut in das Konzept der Barrierefreiheit der Petrusgemeinde, die 2013 einen Aufzug zur Kirche bauen ließ und später auch das Gemeindehaus barrierefrei umbaute. Eine andere Schranke wurde mit dem Mittagstisch abgebaut, 20 bis 25 ältere Menschen begegnen sich nun einmal im Monat beim gemeinsamen Essen zu kleinen Preisen. Dazu kommen oft Informationen etwa zu Hausnotruf oder medizinischen Hilfsmitteln sowie Spielenachmittage. Sechs Ehrenamtliche aus der Gemeinde organisieren das Angebot. Künftig unterstützen die örtlichen Rotarier es finanziell. „So niedrigschwellig Ausgrenzung zu überwinden, ist für mich ein Mutmacher-Projekt“, sagt Pfarrer Stefan Hucke.

Pfarrerin Margarete Reinel, von 2014 bis 2019 bei der Diakonie Hessen für die „DRIN“-Initiative zuständig, zog Bilanz der 23 DRIN-Projekte der EKHN. 2014 hatte die Landessynode das Gemeinwesenprojekt mit drei Millionen Euro beschlossen, womit Menschen in schwierigen Lebenssituationen besser teilhaben und mehr Selbstwirksamkeit mit ihren eigenen Ressourcen erleben sollten, so Reinel. Auch diakonisches und kirchliches Handeln sollten wieder stärker zusammengeführt und dabei zivilgesellschaftliche Akteure mit einbezogen werden. Angesichts einer kleiner und älter werdenden Kirche, Stellenkürzungen und immer größeren Herausforderungen etwa durch Klimawandel oder Migration sei dies auch nötig. Zudem kämen durch diese Arbeit „Menschen in die Gemeinden, die man sonst nie sieht“, so Reinel. „Vernetzungsarbeit braucht professionelle Begleitung und finanzielle Mittel“, sagte die Pfarrerin und appellierte, „dafür in den Synoden zu kämpfen“, um Kirche mit und für andere bleiben zu können.

Die Synodalen und Gäste diskutierten anschließend in fünf Arbeitsgruppen mit Leitfragen   über die jeweiligen Herausforderungen in den Vierteln und wie die Kirchengemeinden aufgestellt sein sollten, um im Gemeinwesen aktiv sein zu können, welche Kooperationen bereits bestünden und welche weiteren Handlungsoptionen im Hinblick auf Gemeinwesenorientierung gesehen würden. Anschließend berichteten Einzelne aus den Gruppen, was sie von dem Thema mitnehmen. Manche nahmen „die Sensibilität dafür, genauer hinzuschauen, was Menschen im eigenen Viertel oder in der Nachbarschaft brauchen“, mit. Die Idee vom Einkaufsbus wurde von einer anderen Kirchengemeinde mit ähnlicher Infrastruktur aufgenommen. Das Bedürfnis wurde geäußert, mehr von Aktivitäten anderer Kirchengemeinden zu erfahren, um möglicherweise zusammenarbeiten. Angebote sollten in der Öffentlichkeit noch stärker bekannt gemacht werden. Der Bedarf an Professionalität und Hauptamtlichkeit wurde unterstrichen. Einigkeit bestand darin, dass die Synode das Thema wieder aufgreifen soll.

Im Plenum wurden konkrete Vorschläge für die Weiterbearbeitung in der Vorbereitungsgruppe genannt wie etwa dass es regelmäßige Berichte über die gemeinwesenorientierte Arbeit der Kirchengemeinden sowie des regionalen Diakonischen Werks in den Synoden geben solle. In der Dekanatssynode sollte auch über die Bedeutung von Gemeinwesenorientierung bei Entscheidungen über Finanzen, Gebäudeentwicklung und personelle Ressourcen nachgedacht werden. Auch, was Glaube und Hoffnung in dieser Art von Arbeit bedeute, solle immer wieder Thema sein. Dekanin Ulrike Schmidt-Hesse sagte zum Abschluss, dass die Vorbereitungsgruppe alle Ideen und Themen aufarbeiten und konkrete Vorschläge in einer der nächsten Synoden einbringen werde. 

Neben den Berichten von Präses und Dekanin sowie der Beauftragten für den Ökumenischen Kirchentag, Pfarrerin Barbara Themel, und für den Abend der Begegnung, Rebecca Keller, wurde noch Jörg Semmler als Vertreter der Dekanatssynode in die Evangelische Jugendvertretung Darmstadt und Pfarrer Manuel Alem von der Philippuskirchengemeinde in die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) Darmstadt gewählt. Mit dem Segen durch die Dekanin endete die Synodaltagung.

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