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Dekanin zu 75 Jahre Stuttgarter Schulderklärung

EKHN/ArchivPortraitMartin Niemöller: Erster Kirchenpräsident der EKHN und führendes Mitglied der Bekennenden Kirche

Vor 75 Jahren, am 19. Oktober 1945, verfasste die EKD die "Stuttgarter Schulderklärung". Aus diesem Anlass nahm Dekanin Ulrike Schmidt-Hesse an einem Erinnerungsgottesdienst mit Bischof Heinrich Bedford-Strohm in der Stuttgarter Markuskirche und an einem Ökumenischen Forum zum Thema „75 Jahre Stuttgarter Schulderklärung – Welche Einheit suchen wir heute?“ teil und berichtet.

Am 19. Oktober 1945 gab die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) unter Mitwirkung von Martin Niemöller, der 1947 erster Kirchenpräsident der EKHN wurde, einen Text heraus, der den fehlenden Widerstand der Kirche im NS-Staat offen benannte. „Wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben", lautet dabei einer der Kernsätze der "Stuttgarter Schulderklärung".

Zur Erinnerung an die Stuttgarter Schulderklärung von 1945 fand am Sonntag, 18. Oktober, in der Stuttgarter Markuskirche, am historischen Ort, ein Gottesdienst statt, in dem der Ratsvorsitzende der EKD, Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, predigte. „Die Schulderklärung gehört zur DNA unserer Kirche“, sagte er. „Sie ruft uns zur Verantwortung in der Gegenwart und für die Zukunft.“

Anschließend gab es ein Ökumenisches Forum mit einem Vortrag des kommissarischen Generalsekretärs des ÖRK, Prof. Dr. Ioan Sauca zum Thema: „75 Jahre Stuttgarter Schulderklärung – Welche Einheit suchen wir heute?“ Die nationalsozialistische Ideologie habe die Einheit der Kirche und die Einheit der Menschheit zerstört, so Sauca.

Dekanin Ulrike Schmidt-Hesse, die an beiden Veranstaltungen teilgenommen hat, sagt: „Die Schulderklärung von 1945 stellt die Frage an uns, wie wir unserem Auftrag als Kirche heute gerecht werden. Ein zentrales Element ist dabei, für die Würde und Gleichwertigkeit aller Menschen einzustehen und Gewalt zu überwinden. Die ausgestreckte Hand der weltweiten Ökumene damals erinnert uns daran, dass wir uns als Kirchen gegenseitig brauchen, um in den aktuellen Herausforderungen mutig zu bekennen, treu zu beten, fröhlich zu glauben und brennend zu lieben“.

Schuldbekenntnis weiter aktuell

Kirchenpräsident Volker Jung hat die Veröffentlichung der sogenannten Stuttgarter Schulderklärung der evangelischen Kirche vor 75 Jahren als „Meilenstein in der Aufarbeitung der Verstrickung mit dem Nationalsozialismus“ bezeichnet. Nach Worten Jungs liegt die historische Wirkung des Stuttgarter Schulbekenntnisses vor allem darin, „dass sie dem deutschen Protestantismus nach dem Zweiten Weltkrieg wieder das Tor zur weltweiten ökumenischen Zusammenarbeit öffnete.“ Der Blick über die eigenen Grenzen hinaus sei wichtiger denn je, so der Kirchenpräsident. Jung: „Auch aktuelle Herausforderungen wie Krieg, Hunger, Armut, Rassismus oder die aktuelle Corona-Pandemie lassen sich nicht in nationalen Alleingängen lösen. Sie brauchen in Politik und Zivilgesellschaft die Zusammenarbeit vieler. Das ist bis heute eine Lehre, die wir aus der Stuttgarter Schulderklärung ziehen können.“ Auch für die deutschen Kirchen sieht Jung weiter die Herausforderung, die Themen Kolonialismus und Mission, Frieden und Gerechtigkeit für Israel-Palästina, Klimagerechtigkeit und faires Wirtschaften aufzuarbeiten.

 

Hintergrund Stuttgarter Schuldbekenntnis

Das Stuttgarter Schuldbekenntnis, offiziell „Schulderklärung der evangelischen Christenheit Deutschlands“ benannt, wurde von den EKD-Ratsmitgliedern Hans Christian Asmussen, Otto Dibelius und Martin Niemöller auf einer Ratstagung in Stuttgart gemeinsam verfasst und dort am 19. Oktober 1945 verlesen. Die Autoren hatten schon in der Bekennenden Kirche während der nationalsozialistischen Herrschaft Leitungsämter bekleidet. Die Erklärung ging aus ihren Einsichten über das Versagen der evangelischen Kirchenleitungen in der Zeit des Nationalsozialismus hervor, die sie im Kirchenkampf und nach Kriegsende gewonnen hatten. Anlass war der Besuch hochrangiger Vertreter des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK), die bereit waren, sich mit den Deutschen zu versöhnen und die EKD aufzunehmen. Dazu erwarteten sie von deren Vertretern ein glaubwürdiges Schuldbekenntnis. Mit der Erklärung kamen die Autoren dieser Erwartung nach und öffneten der EKD den Weg zu ökumenischer Gemeinschaft und verstärkter Hilfe für die notleidenden Deutschen. Eine Auseinandersetzung mit dem Versagen der Kirchen in der Frage des millionenfachen Mordes an Juden fehlt allerdings in dem Stuttgarter Bekenntnis. Es dauerte in den meisten evangelischen Landeskirchen noch bis in die 1980er Jahre, eigene Schuldbekenntnisse und Erklärungen – vor allem im Blick auf die Erneuerung des Verhältnisses von Christen und Juden – zu verabschieden.

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